Hier wird die Meinung gesagt. Es wird Kritik geübt.

Das Handeln der ICOC bzw. von HOPE worldwide und vor allem der Umgang mit ehemaligen  Mitgliedern werden untersucht und kommentiert.


Berlin, 26. August 2003

Kommentar-Archiv

Um Gottes Willen?!

Ich habe schon gar nicht mehr daran geglaubt, dass die „Führungsetage“ der ICOC in Berlin irgendeine (öffentliche) Stellungnahme zu den Ereignissen abgibt. Nun taucht plötzlich ein „Offener Brief an die Internationalen Gemeinden in Mitteleuropa“ im Internet auf.

Die Herren Herbst, Meister, Russo u.a. haben sich sicher nicht aus einem echten und ehrlichen Verantwortungsgefühl heraus dazu entschieden. Das ist eindeutig die Handschrift der ICOC-Führung in den USA. Damit bestätigt sich (leider) die Hilflosigkeit und die Abhängigkeit der hauptamtlichen „Mitarbeiter“ von  den „Ordern“ aus Los Angeles.

Es ist ziemlich einfach, die ganze Sache als „Erziehung Gottes“ darzustellen. Das mag intern in die fragwürdige Ideologie der ICOC passen, zeigt aber auch ganz deutlich, dass diese Menschen vieles von dem, was geschehen ist, nicht verstanden haben bzw. nicht verstehen wollen. „Bei Gottes Erziehung geht es darum, Dinge zu lernen, die man vorher nicht gewusst oder nicht getan hat“ – das klingt wie ein Freibrief.

Eines darf um Gottes Willen (!) nicht vergessen werden: Die ICOC hat weltweit über eine Viertelmillion Menschen auf dem Gewissen. Menschen, die sich mehr oder weniger schmerzhaft von dem System ICOC getrennt haben bzw. getrennt worden sind! Henry Kriete hat sie zu mindestens erwähnt, Christian Herbst & Co. dagegen haben meiner Meinung nach einfach nicht die menschliche Größe, sich damit auseinander zu setzen. Auf der Liste mit den Beispielen für die „Fehler“ vermisse ich einige entscheidende Punkte:

  • Der Missbrauch des Vertrauens (nicht nur bei den Ex-Mitgliedern!),
  • die Verursachung bzw. Ausnutzung von psychischen Abhängigkeiten,
  • die regide Informationskontrolle
  • und die Verurteilung bzw. Verleumdung von AussteigerInnen.

Was muss bloß in den Köpfen dieser Männer (Herbst, Meister, Russo usw.) vorgegangen sein? Mit welcher Absicht, wird hier ein in weiten Teilen autoritäres, antidemokratisches und auch unchristliches System verklärt?!

„Gott hat halt mal eben so kräftig zugeschlagen und damit sogar noch bestätigt, dass die Söhne in der ICOC seine liebsten sind.“ Als Vorsitzender eines Vereins oder einfach nur hauptamtlicher Mitarbeiter darf man „vorher nichts wissen“ und kann „eine ganze Menge (auf Kosten der einfachen Mitglieder) lernen“ – ohne für Fehlverhalten zur Verantwortung gezogen werden zu können.

Es geht ja so einfach: Entschuldigungen breit streuen, mit Bibelstellen um sich werfen und dem „Lieben Gott“ die Verantwortung aufdrücken. Der „Liebe Gott“ ermahnt dann seine „Söhne“ ein wenig, züchtigt sie vielleicht sogar (siehe Dean Farmer und Kip McKean) und alles ist wieder im Lot.

Doch Vorsicht ist geboten: In den „Stellungnahmen“ aus der ICOC lässt sich nicht ablesen, dass die zweifelhafte und konfliktträchtige Ideologie auch dahingehend überprüft wird/wurde, ob der Anspruch, die einzig wahren/richtigen Christen zu sein, noch gehalten werden kann.

Ich sehe es so: Die versuchen sich schlicht und einfach aus der Verantwortung zu stehlen und verdrängen dabei die große Last der Vergangenheit!

Warum finden die erwähnten „Herren“ eigentlich kein einziges Wort zu den vielen Menschen, die heute nicht mehr Mitglieder ihres „Systems“ sind?! Diese teilweise sehr traurigen „systembedingten Schicksale“ spielen in der großspurigen und selbstgefälligen „Betrachtung“ keine Rolle. Darüber geht man geflissentlich hinweg. Es würde die herzlose  „Entschuldigungsmasche“ nur stören, weil es vielleicht Dinge gibt, die man nicht einfach so vom Tisch wischt.

Das System ICOC nach McKean ist faktisch am Ende.

Um wieder einigermaßen glaubwürdig zu werden, müssen radikale Schnitte gemacht werden. Doch davon ist nichts zu erkennen. Ich halte es nach wie vor für die beste Lösung, den „Laden ICOC“ einfach zu schließen. Jeder „Neuanfang“ steht unter der Last der Vergangenheit und es ist nicht abzusehen, wann und ob die ICOC in der Lage ist, damit umzugehen. Es gibt doch so viele Angebote von christlichen Glaubensgemeinschaften – ob aber dort gleich ein „Hauptamt“ vakant ist?! Mich würde sehr die Meinung der Mitglieder interessieren, die nicht hauptamtlich in der ICOC beschäftigt sind!

Vielleicht hat Kip McKean in Kürze eine göttliche Eingebung und die ganze Sache geht wieder von vorne los. Ich befürchte, Kip McKean hat noch eine Menge Sympathisanten, auch in Deutschland. So dürfte ein Comeback zu schaffen sein. Doch kann das die Frucht der „göttlichen Erziehung“ sein? Die ICOC hat bis heute wenig dazu gelernt.

Helmut Schmidt, 26.8.2003

Vom systemischen Übel (Kommentar vom 12.7.2003)

Damit hatte ich nicht gerechnet! Mehrfach wurde mir schon von verschiedenen Seiten vorgehalten, dass ich den „Kriete-Brief“ noch nicht gelesen habe. Nun ist seit einigen Tagen eine deutsche Übersetzung auf den Internetseiten der ICOC-Berlin (www.igchristi.org) zu finden.

Unter dem Titel „Ehrlich zu Gott – Veränderung durch Umkehr und Freiheit in Christus“ schreibt Henry Kriete (Leiter der ICOC-London) mit Datum vom 2.2.2003 einen „offenen Brief“ an die „Ältesten, Lehrer und Evangelisten“ der ICOC. Auf über vierzig DIN A4 – Seiten (übersetzte Fassung) beschreibt Henry Kriete offen, ehrlich und vor allem schonungslos die Situation, in der sich die ICOC seit langem befindet.

In London könnte ein „Neuordnungsprozess begonnen haben. Ob am Ende die ICOC-London noch weiter wie bisher existieren wird, kann heute noch nicht abgesehen werden.

Kriete spricht vom „systemischen Übel“, dessen Eliminierung „schmerzhaft und blutig“ auf die ganze Bewegung angewendet werden muss. Die Vergangenheit darf nicht ignoriert werden: „Schmutzige Wäsche muss offengelegt und die Krankheit diagnostiziert und ausgemerzt werden, sonst wird sie sich weiter überall in (unserer) Gemeinschaft ausbreiten (...) Der Versuch uns zu verändern, ohne unsere Vergangenheit zuzugeben, wäre ein Riesenfehler (...)“. In der Beschreibung von Kriete wird auch deutlich, wie gespannt das Verhältnis zur „Führung“, zum Hauptquartier in den USA nach wie vor ist.

Was ist nun los im deutschsprachigen Raum?! Wo sind die Christophs, Christians, Mirkos, Stefans und so weiter?! Es gab Zeiten, da haben diese „Leiter“ großspurig die ICOC als „Gottes moderne Bewegung“ gepriesen und AussteigerInnen verhöhnt. Nun herrscht Funkstille. Die „Dokumente“ werden „schonungslos“ übersetzt und ins Internet gestellt, allerdings ohne jegliche Kommentierung oder Wertung.

Henry Kriete spricht von einer „Viertelmillion Menschen, die abgefallen sind“ – dieses Faktum wurde bisher in der ICOC vehement geleugnet. Er entblößt die Macht- und Autoritätsstrukturen innerhalb des Systems ICOC (das letzten Endes jeden ernsthaften Anspruch, eine gute christliche Glaubensgemeinschaft zu sein, zunichte gemacht hat). An vielen Stellen seines Briefes stockte mir der Atem – wie wird die ICOC vor allem in den USA intern darauf reagieren?!

Mit diesem Brief werden alle Kritikpunkte und Vorwürfe von Kritikern und AussteigerInnen bestätigt. Es findet sich alles wieder, was in den vielen tausend Aussteigerberichten geschildert wird.

Die ICOC steckt unglaublich tief in einer Krise. „Gottes moderne Bewegung liegt praktisch in Trümmern“ – so Henry Kriete. Aber er geht noch viel weiter, in dem er fragt: „Sind wir, die ICOC, das Reich Gottes, die eine wahre Gemeinde – immer noch der aus Gnade erwählte Überrest?“

Ich würde mich jetzt brennend gerne mit den Menschen aus der ICOC unterhalten, die bis heute ausgehalten haben und die es mit voller Wucht getroffen haben muss. Aber nicht um hämisch grinsend zu sagen: „Das geschieht euch recht!“ oder „Das habe ich schon immer gewusst!“, sondern um einfach einen besonderen Abschnitt in unseren Leben zu diskutieren und vielleicht abzuschließen.

Die ICOC ist nicht der Nabel der christlichen Bewegungen unserer Zeit. Das autoritäre System hat viele Menschen dazu verführt, nach Macht und Geld zu streben. Viele haben ihre Macht missbraucht und andere Menschen tief verletzt. Nehmt euch ein Beispiel an Henry Kriete und übernehmt endlich die Verantwortung dafür!

Helmut Schmidt, Juli 2003