Verwirrspiel

(aktualisierte Fassung – März 2001)

Schon seit geraumer Zeit kann man Sonntags ab Mittag  und Dienstags gegen 19.30 Uhr beobachten, wie zumeist jüngere Leute, das Kirchengebäude an der Nazarethkirchstraße, nahe des Leopoldplatzes in Berlin-Wedding, betreten. Mit einem bunten Plakat im Schaukasten am  Haupteingang läd die „Internationale Gemeinde Christi“ („Gemeinde Jesu Christi Berlin e.V.“) (GJCB) zu Gottesdiensten mit Kinderbetreuung ein. Dieser 1991 gegründete Verein ist Untermieter der „Gemeinde Gottes“  (Pfingstler). In München findet derzeit parallel in einer alten Fabrikhalle in der Troppauerstraße, in Düsseldorf und Köln schon um 11.30 eine Veranstaltung unter dem Titel „Gottesdienst“ statt.

Die  scheinbar lebendigen und offenen Gruppen empfangen dann auch den externen Besucher der sonntäglichen Veranstaltung herzlich, aber im selben Moment auch sehr vereinnahmend. Man wird umringt von vielen Menschen, die sich  sehr für den Gast interessieren und ihn dann auch nicht mehr aus den Augen lassen. Handelt es sich hier um eine evangelische Freikirche oder einfach um eine kleine unbedeutende christlich orientierte Gruppe?! Die Frage  nach der Herkunft wird von den Mitgliedern nie zufriedenstellend beantwortet. Auch wird man von diesen Menschen nicht zu hören bekommen, daß vor ihrer „Gemeinde“ in einer Broschüre („Information über neue religiöse und  weltanschauliche Bewegungen und sogenannte Psychogruppen“) des Berliner Senats und an anderen Stellen gewarnt wird, daß sich schon verschiedene Medien für ihre Aktivitäten interessiert haben (SPIEGEL-Magazin und TV,  TAZ, SFB, TIP-TV, MDR, ORB, RTL, PRO 7, WDR, N24 u.v.a.) und vor allem, daß es Menschen gibt, die nicht mehr länger Mitglied dieser Gruppe sein können: Aussteiger.

Informiert man sich beispielsweise bei der „EBI - Eltern- und Betroffeneninitiative gegen psychische  Abh¥ngigkeit, für geistige Freiheit e.V.“, so kann man hier umfangreiches Informationsmaterial bekommen. Auch diese Betroffeninitiative, der der  Evangelische Sektenbeauftragte von Berlin-Brandenburg, Pfarrer Thomas Gandow angehört, warnt ausdrücklich vor den Aktivitäten der „Boston-Church of Christ“ bzw. „International Churches of Christ“ des geistigen Führers  Kip McKean (USA).

In der EBI-Berlin ist eine Arbeitsgemeinschaft entstanden, die sich aus Aussteiger(innen) der Boston-Church zusammensetzt. Hier können über folgende Adresse Informationen  angefordert werden: AG AussteigerInnen der Internationalen Gemeinden Christi, c/o EBI - Berlin e.V., Heimat 27, 14165 Berlin.Seit geraumer Zeit steht die EBI - Berlin in engem Kontakt mit der EI - München und  der EBI - Sachsen in Leipzig. Es gibt Anzeichen dafür, daß die Boston-Church auf dem Weg nach Hamburg, Frankfurt/Main und Stuttgart ist. Insgesamt betrachtet ist das Wachstum bzw. die Ausbreitung der Boston-Church in  Deutschland jedoch nicht sehr groß. Wie auch in den USA geht der Trend dahin, daß es schon mehr Aussteiger als aktive Mitglieder gibt.

Die „Gemeinde Jesu Christi Berlin e.V.“ ist ein europäischer Ableger  dieser Bewegung. In München wurde 1988 ein Verein unter dem Namen „Gemeinde Christi München e.V.“ und 1995 in Düsseldorf unter dem Namen „Gemeinden Christi Rhein-Ruhr e.V.“ gegründet. Im November 1999 erfolgte jedoch  eine vereinsrechtliche Verschmelzung mit der „Gemeinde Jesu Christi Berlin e.V.“ unter der Leitung des Chemikers Dean Farmer (37). Die Zahl der Mitglieder der fusionierten Gruppen liegt etwa bei derzeit rund 750. Es ist  eine Änderung des Vereinsnamens in „Internationale Gemeinde Christi e.V.“ beantragt. Der Antrag wird derzeit vom Amtsgericht Charlottenburg geprüft.

Mit diesen und anderen Hintergrundinformationen fällt  die Betrachtung dieser christlichen Sekte dann gleich ganz anders aus! Aussteiger berichten von gefährlichen emotionalen und psychischen (geistigen) Abhängigkeiten in dieser Gruppe. Es läßt sich eine Bewußtseins-,  Verhaltens- und Gedankenkontrolle im Handeln der Gruppe erkennen. Neben einer „bedingungslosen Unterordnung unter die Leiter“ wird die „Aufgabe der eigenen Persönlichkeit“ verlangt. Diese vereinnahmende religiös  fundamentalistische Extremgruppe hat eine Vielzahl von Kritikern aller Couleur, die sich mit dem fragwürdigen Gedankengut und der perfiden Ideologie des McKean und seinen Gefolgsleuten ernsthaft auseinandersetzen.

Doch das Verhalten der Mitglieder gegenüber und der Umgang mit Menschen, die Kritik üben, ist höchst merkwürdig: Als Ketzer gebrandmarkt werden diese Menschen häufig gezielt verleumdet und rigoros gemieden.  Einfachste Kommunikation findet nicht mehr statt. Der Aussteiger wird ausgestoßen und verleugnet. Der Vorstand des Vereins und Leiter der Berliner „Gemeinde“, Dean Farmer, hat seine „Leute“ offensichtlich fest im Griff,  wenn er bestimmt, mit wem geredet werden darf und mit wem nicht. Nicht selten kapseln sich die Mitglieder kurze Zeit nach der Anwerbung (Beitritt) bedenklich stark von ihrer alten Umgebung, Freunden und auch der eigenen  Familie ab. Besonders dann, wenn auch hier Bedenken geäußert werden oder gar Kritik laut wird. Der kritische Mitmensch, und oft bekennender Mitchrist, wird zum Feind und als „Verbündeter mit Satan“ zur Gefahr. Es kann  hier eine subtile Nähe zur Praxis der Scientologen festgestellt werden. In dieser Sekte werden Aussteiger/Kritiker als „Vogelfrei“ erklärt. Christliche Maxime gelten hier für die Boston-Church nicht mehr, man darf mit  dieser „abgefallenen Person“ machen, was man will. Eine psychische Gewalt in Form von z.B. Unterlassungsklagen ist erkennbar, wenn besorgte Menschen ein Mitglied ansprechen, anrufen oder Briefe schreiben. Klingelt man  als Aussteiger an der Tür des „ehemaligen Bruders“ aus der Boston-Church, der solange man Mitglied war große Zuneigung und christliche Liebe beteuerte, so wird die Polizei gerufen und Anzeige wegen Hausfriedensbruch  erstattet.

Nicht zuletzt diese traurigen unchristlichen Verhaltensweisen sind der Nährboden für starke Zweifel an der Legitimität der Ideologie der Boston-Church. Anwerbungsversuche, die oft sehr  hartnäckig sind, erfolgen bevorzugt an allen Universitäten der Stadt, in öffentlichen Verkehrsmitteln und auf öffentlichen Plätzen. Der akademische Senat der FU Berlin hat in der Vergangenheit beschlossen, daß „Sekten“  weder werben noch Räume anmieten dürfen. Das betrifft alle Gruppen, die in der vorerwähnten Broschüre des Senats genannt sind. Wer angesprochen wird, sollte besser nicht bereitwillig seine Telefonnummer herausgeben. Das  beste Mittel, den u.U. lästigen Werber in die Flucht zu schlagen ist: kritische Fragen zu stellen, z.B. nach dem Führer der Bewegung, dem Verständnis von christlicher Ökumene oder der Akzeptanz von Andersglaubenden.  Doch auch hier ist Vorsicht geboten:

Es wird gerne getäuscht und gelogen - im Auftrag und Namen Kip McKeans, der mit seiner Bewegung die ganze Welt „erobern“ will. Viele ehemalige Mitglieder berichten von  seelischen Krisen, die kaum von der Gruppe aufgefangen werden, und im Einzelfall zum Selbstmord führen können. Sein „Altes Ich sterben lassen“ wird dem frisch getauften Mitglied in einer internen “Studienhilfe“ zur  Bibel befohlen, angeblich auf Geheiß Gottes. Es mag sein, daß solche Schriften tatsächlich eingestampft worden sind (nach Angabe der Pressesprecherin der GJCB, Astrid Herrmann), das Gedankengut ist und bleibt in den  Köpfen und wird nach wie vor an neuangeworbene Mitglieder weitergegeben. Sowohl aus Deutschland wie auch der Schweiz sind Suizidversuche bekannt geworden.

Mit christlicher Verantwortung scheinen es die  Mitglieder der Boston-Church nicht sehr ernst zu meinen. Im Umgang mit Andersglaubenden, Andersdenkenden und Anderslebenden gilt das Wort Gottes nicht mehr. Christliche Verantwortung kann nicht ohne eine kritische  Auseinandersetzung mit dem Gedankengut des selbsternannten (!) Führers McKean, der die Bibel allzugerne instrumentalisiert, auch höchst bedenklich interpretiert und verfälscht, funktionieren.

Im  Zusammenhang mit der Boston-Church sollte auch der Verein „HOPE worldwide Deutschland e.V.“ erwähnt werden. Gründungsmitglieder sind sämtlich Mitglieder deutscher „Gemeinden“ der Boston-Church. Im Vereinsregister findet  man unter den Gründungsmitgliedern Dean Farmer wieder. Heute wird die Altentagesstätte (Seniorenzentrum) im Berliner Bezirk Neukölln (Hobrechtstraße) von Gitt Schwab geleitet. Geschäftsführer ist Michael Klimke. Beide  sind gleichzeitig auch Mitglieder der GJCB. Allerdings wird bei Anfragen eine Verbindung zur Boston-Church geleugnet. HOPE sammelt öffentlich für „alte Menschen“ beträchtliche Summen. Was jedoch mit dem Geld geschieht,  bleibt im Dunkeln. Offensichtlich wird der größte Teil (über 80 %), wie bei der GJCB, für Personalkosten aufgewendet. Ein Verwirrspiel auf allen Linien!

Schließlich gewinnt man als Aussteiger den Eindruck,  daß die „Jünger McKeans“ die Verwirrung im Wedding ausnutzen, um auch hier gezielt Christen „abzuwerben“ und zur Stärkung der Boston-Bewegung zu rekrutieren. Es gibt sicherlich viele Sicht- und Lebensweisen von  Christsein in unserer modernen Gesellschaft. Doch ein elitärer Anspruch (die einzig wahren Christen zu sein) einer radikalen und in Zügen auch totalitären religiösen Extremgruppe, der dazu führt, Menschen ihr bisheriges  Leben mies zu machen, sie zu vereinnahmen und in einer fatalen Abhängigkeit gefangen zu halten, um ihnen ein „neues Leben“ aufzuzwingen, kann es nicht sein!

Helmut Schmidt

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