|
Was ist los in der ICOC?!
16. August 2005
Nun ist wieder ein weiteres Jahr in der neuen Zeitrechnung der ICOC vergangen. Die vielfältigen Veränderungsprozesse scheinen immer
noch im Innern der ICOC zu gären. Ab und zu stolpert der kritische Beobachter über den einen oder anderen Hinweis auf eine Wahrnehmung der trüben Vergangenheit. Die müden Erklärungsversuche des ideologischen
Crashs nach dem Kip McKean “gekippt” worden ist, finden sich im Text von Redebeiträgen im Rahmen von “Gottesdiensten” oder Vereinsversammlungen (sog. Andachten) die mittlerweile für jeden Zugänglich auf
der Internetseite der ICOC-Deutschland nachgelesen werden können. Wenn sich mal Zeit findet, wird an dieser Stelle ein kleiner Kommentar mit Zitaten zu finden sein.
Etwas anderes bewegt sich jedoch auf der Seite der AussteigerInnen bzw. ehemaligen Mitglieder der ICOC. In verschiedenen e-mails und
Telefongesprächen wird von teilweise traumatischen Spätfolgen einer (intensiven) Mitgliedschaft in den Jahren bis ca. 2003 berichtet. Dies zu Anlass nehmend, nachfolgend ein weiterer Kommentar unter dem Titel
“Spätfolgen”.
Spätfolgen
Seit etwa einem Jahr könnte der Beobachter den Eindruck gewinnen, die ICOC ist von der Bildfläche verschwunden. Die Zeiten scheinen
vorbei, dass die Mitglieder der Berliner Gruppe eifrig in der Stadt auf dem „Missionstrip“ waren. Doch der Schein kann trügen.
Die tiefgreifenden Veränderungen innerhalb der weltweiten Organisation ICOC haben sicher ihre Spuren hinterlassen. Fast habe ich
gedacht, es sei nicht mehr nötig, die ICOC weiter zu beobachten. Die Gruppe dümpelt vor sich hin, schmort im eigenen Saft. Die ewig Gestrigen bzw. die Hardliner mühen sich, die einst fanatisch rekrutierten
Mitglieder bei der Stange zu halten. Vorbei sind die großspurigen Parolen vom „Bau des Reich Gottes auf der ganzen Welt“, das Ganze in „einer Generation“ und geleitet von machtgeilen „Führern“.
Die ICOC hat sich und ihre einstige Ideologie verloren. Auf der einen Seite scheint dies gut zu sein, denn nun besteht keine große
Gefahr mehr, nach einer Begegnung mit einen fanatisch überzeugten Werber in ein System von Bewusstseins- und Verhaltenskontrolle zu geraten.
Doch was ist aus den vielen Menschen geworden, die in der letzten Zeit oder auch noch vor dem Zusammenbruch die Gruppe verlassen haben?!
Die andere Seite sieht eher düster aus. Die konfliktträchtige Vergangenheit der ICOC lastet schwer. Immer wieder melden sich Aussteigerinnen und Aussteiger zu Wort und berichten von Spätfolgen der (teilweise)
langjährigen Mitgliedschaft in dieser religiösen Extremgruppe. Es kann ja auch gar nicht sein, dass die ICOC nur Menschen zurückgelassen hat, die mit der Zeit in der Gruppe endgültig abgeschlossen haben und seit
dem ein glückliches und zufriedenes Leben führen.
Ich habe vor einigen Tagen sehr lange mit einem jungen Menschen telefoniert, der einige Jahre in der Berliner ICOC Mitglied war. Er wurde
mit 16 Jahren als Schüler angeworben und ist seinerzeit der Faszination einer christlich scheinenden Gemeinschaft erlegen. Es folgte das übliche Spielchen mit Bibelstudium, Taufe, Jüngerschaftspartner, Dating,
Missionierung usw. Die Eltern waren übrigens nicht mit der Mitgliedschaft einverstanden, wurden aber wie üblich von ihrem Kind und der Gruppe belogen und getäuscht. Die Hauptsache war, dass Geld für die
wöchentliche Kollekte stand rechtzeitig zur Verfügung.
Mit zunehmenden Alter, dem mühevoll abgelegten Abitur und dem Beginn des Studiums begann ein trister Alltag. Die vielen Kommilitoninnen
und Kommilitonen, die natürlich nicht Mitglied der ICOC waren, trafen sich Abends in Kneipen, gingen ins Kino oder auf Konzerte, verbummelten viel (Frei-)Zeit und führten oft ein freizügiges und lockeres Leben.
Als Mitglied in der ICOC war der Tagesablauf streng reglementiert, es gab eigentlich keine wirklichen Freiräume. Die gesamte Freizeit
war in und mit der „Gemeinde“ zu verbringen. Immer wieder wurde zur „unablässigen Missionierung“ aufgerufen, auch und gerade in der Freizeit. Die Treffen in den Wohngemeinschaften oder zu Hause beim
Gemeindeleiter wurden immer lästiger. Immer wieder kam es zu psychischen Übergriffen, indem die Frau des Gemeindeleiters ihre Unzufriedenheit (besonders in Sachen Sex ) vor sich her trug oder der von der Gruppe
ausgewählte Partner seine „Triebe“ nicht unter Kontrolle hatte. „Man konnte eigentlich mit niemandem aus der Gruppe wirklich richtig und offen reden. Alles, was ich sagte und nicht ideologiekonform war, wurde
von meinen angeblichen Freunden bis zur Gemeindeleitung weiter verraten und schließlich gegen mich verwendet.“
Heute lebt dieser Mensch nicht mehr in Berlin. Obwohl alle Kontakte abgebrochen wurden, ist etwas von der psychischen Abhängigkeit
geblieben. Lange galt die Doktrin der ICOC auf allen Linien als einzig richtig und vor allem gottgefällig. „Ich habe manchmal das Gefühl, die versuchen in meine Träume einzudringen und wollen mich wieder
zurückgewinnen.“ Der als zukünftiger Ehepartner verordnete Mann taucht dabei auch immer wieder auf und bedrängt die junge Frau. Sie hat ihn nie geliebt, aber auch nicht lieben wollen. Sie hat das ganze Spiel
nur mitgespielt, weil sie sich sonst in Abseits begeben hätte und dort wäre sie mit Liebesentzug durch die Gruppe bestraft worden.
Wie in so vielen Fällen, ist eine nachhaltige Aufarbeitung dieser Erfahrungen und Heilung der seelischen Verletzungen heute kaum mehr
möglich. Gespräche mit den Menschen, die seinerzeit als aufgedrängte „Jüngerschaftspartner“, Bibelkreisleiter und Gemeindeleiter Einfluss auf viele Biografien genommen bzw. sich tief in das Leben eingemischt
haben (und das immer wieder ohne sich über die Folgen bewusst sein zu wollen), sind unmöglich. Entweder ist die betreffende Person weiterhin „mit Feuereifer“ dabei oder selbst aus dem System ausgebrochen und
nicht mehr erreichbar.
Ich bleibe bei meiner Meinung, dass es von der ICOC und ihren Verantwortlichen äußerst fahrlässig ist, die Vergangenheit (immerhin
gute 20 Jahre) zu verdrängen, zu verschweigen, zu verklären, zu verharmlosen oder gar zu leugnen. Man kann nicht einfach sagen: „Wir haben die Strafe (Züchtigung) Gottes angenommen, uns verändert und damit
sind die „Sünden“ der Vergangenheit vergeben.“ Mit einem „Neustart“ sind längst nicht alle unliebsamen „Daten“ auf der Festplatte gelöscht.
H.S./August 2005
zurück zum Anfang
2.8.2004
The Boston Globe Artikel vom 17.5.2003 in deutscher Übersetzung
Kommentar vom 18.10.2004
Die Ratten verlassen das sinkende Schiff … Veränderungsprozesse oder Auflösungserscheinungen?!
Seit vielen Wochen schon scheint eine merkwürdige Ruhe in der ICOC in Deutschland eingekehrt zu sein. Liegt das nun an tief greifenden
Veränderungen in der Ideologie und einem neuen Auftreten bzw. Erscheinungsbild? Oder ist nicht etwa ein sukzessiver Auflösungsprozess mit dem Ende der Ära McKean in Gang gesetzt worden?
Die wenigen Anfragen bzw. Informationen, die uns derzeit erreichen, lassen nicht den Schluss zu, dass die ICOC im neuen Gewand wieder erfolgreich
neue Mitglieder rekrutiert. Allen Standorten im deutschsprachigen Raum (weltweit schon lange vorher) laufen die früher so fanatisch überzeugten Anhänger weg. Die Zahl der Besucher der Gottesdienst-Veranstaltungen
am Leopoldplatz in Berlin soll auf unter 200 zusammengeschrumpft sein. Aus Köln berichtet Mirko Russo (www.igchristi.org) von einem „Gottesdienst“ am 12. September mit ca. 20 Gästen in einer Wohnung (der Saal war angeblich aus „sicherheitstechnischen Gründen“
nicht verfügbar). Wegen „unangenehmer Erinnerungen an die Streits des Vorjahres“ in dem Saal, fand Mirko die Verlegung in eine Wohnung viel besser.
Mit großspurigen Statistiken über Taufen, Mitglieder und Besuchern ist die „gewendete“ (?) Führungsriege (Herbst/Russo/Wosegien) offenbar
vorsichtig geworden. So wird beispielsweise für Stuttgart eine Mitgliederzahl von 4 angegeben.
Der Internetauftritt lässt viel Raum für Spekulationen. Wird hier eine ICOC präsentiert, die eigentlich am Ende ist?! Offenbar haben viele
Mitglieder den Weg in eine traditionelle Gemeinde Christi gefunden, andere sind ganz aus der Szene oder in der Szene verschwunden.
Die Verbindungen zur Mutterorganisation in den USA bestehen weiterhin und es gibt nach wie vor regionale und überregionale Treffen auf der
Führungsebene. Jedoch ist weltweit betrachtet die Zahl der Mitglieder eingebrochen. Viele Leiter haben ihre „Gemeinde“ verlassen oder wurden rausgeschmissen. Zeitweise kopflose Gruppen haben sich
gespalten oder ganz aufgelöst. Die einst angeblich „am schnellsten wachsende Bewegung Gottes“ kriecht und windet sich durch den Ideologie-Jungel, den Kip McKean hinterlassen hat.
Auch von der Organisation HOPE worldwide hört man nichts Gutes. Der Versuch mit Amnesty International ins Geschäft zu kommen, soll kläglich
gescheitert sein. Die Finanzen brechen weg – wahrscheinlich reicht das Geld kaum noch für die Aufrechterhaltung des Betriebes, geschweige denn für die angeblichen mild- und wohltätigen Projekte. Überall
müssen erst einmal die hauptamtlichen Mitarbeiter bezahlt werden.
Manchmal frage ich mich schon, was aus dem einen oder anderen geworden ist, den ich seinerzeit kennen lernen durfte (musste). Jedenfalls wünsche
ich allen die nötige Kraft, um eventuell anstehende Entscheidungen aus freiem Willen verantwortungsvoll treffen zu können. Gordon Ferguson hat sich in einem „Aufsatz“ vom 30.8.04 unter dem Titel
„Unintentional Deprogrammers“ über die Folgen des erdrutschartigen Einbruchs ausgelassen. Damit bzw. den Einflüssen aus den USA wird sich der nächste Kommentar befassen.
Dennoch möchte ich nicht vergessen die Frage zu stellen: „Verlassen etwa die Ratten das sinkende Schiff“?“
Helmut Schmidt, 18. Oktober 2004
zurück zum Anfang
Kommentar vom 10.7.2004
Bedeutungslos ist die ICOC auf dem “Markt der Möglichkeiten” (noch) nicht geworden. Auch ist weiterhin Vorsicht
geboten, wenn man die Entwicklungen in Deutschland bewerten oder einordnen will. Auch wenn Kip McKean keinen direkten Einfluss mehr auf die Ideologie der ICOC hat, so darf bei der Einschätzung der Lage nicht
vergessen werden, was dieser Mann im Schilde führt. Schon vor über einem Jahr (im Juni 2003) ist McKean mit “From Babylon to Zion” - Revolution through Restauration III” in Erscheinung getreten. McKean
fristet sein Dasein derzeit in Portland, Oregon als “einfacher Evangelist”. In dem über 40-seitigen Text versucht er die Ereignisse zu erklären - besser zu verklären.
Unter der Überschrift “Die einstürzende Mauer” (Crumbling Wall) dokumentiert McKean beispielsweise die seiner
Meinung nach “Satanische Zerstörung” der Mauer, die aus den Weltsektoren- und Regionalleitern bestanden hat. “Der Himmel weine über alle modernen helden, deren Seelen von Satan verwundet oder gar getötet
worden sind” - so leitet McKean großspurig eine 4 Seiten umfassende Auflistung über die “Aussteiger” (who left ministry) bzw. die “Gefeuerten” ein. Hier erfahren wir beispielsweise, dass in London nach
dem Rücktritt der Leiter 90 % der fast 100 Vollzeitbeschäftigten ausgestiegen sind oder entlassen wurden. Ob darüber hinaus in Südamerika, China, im Ostblock - überall auf der Welt ist die ICOC mehr oder
weniger zusammengebrochen.
“Dr.Dean Farmer und seine Frau Kim - meiner Meinung nach der effektivste und dynamischste Leiter in Europa -
resignierte und verließ die Bewegung. Er fühlte sich weder finanzielle (sieh an!), noch emotional in der Bewegung aufgehoben.” - so Kip McKean zu diesem Thema.
Der Verlag “DPI - Discipling Publishing International” sei am Rande eines finanziellen Kollaps. Viele der
Repräsentanten von HOPE-worldwide haben sich zurückgezogen und arbeiten nicht mehr für diese ICOC-Unterorganisation.
Kip McKean stellt am Ende fest, dass die alte ICOC zerbrochen und zerstört ist. Er fordert zum Wiederaufbau auf (let
us start Rebuilding). Dabei spielt das Prinzip des “Discipling” eine zentrale Rolle ...
Helmut Schmidt - 10.7.2004
Löst sich die ICOC auf?
Kip McKean entmachtet?
Jüngerschaftspartnerschaft abgeschafft?
Keine Zwänge mehr?
Dialogbereitschaft?
Nie mehr ein schlechtes Gewissen?
Missionierung der ganzen Welt nicht mehr nötig?
Jeder kann gehen, wenn er will?
oder doch
Rückfall in alte Strukturen?
Eine christliche Gruppe strauchelt – Verschwinden des Anführers erschüttert die
Dachorganisation der Gruppe aus Boston?
The Boston Globe, 17. Mai 2003
Von Sarah Stockman
Es war eine der am schnellsten wachsenden und kontroversesten Gemeinde in Amerika, als Kult auf
dem Campus von Duzenden Hochschulen verboten und sie prahlten mit weltweit 135 000 Mitgliedern. Ihre Anhänger waren bekannt dafür, in ihrer Freizeit neue Mitglieder zu werben und daß
sie bis um vier Uhr morgens vor den Haustüren derjenigen warteten, die „abgefallen“ waren, um sie davon zu überzeugen, wieder in den Schoß zurückzukehren. Doch nun bricht die Dachorganisation
der Internationalen Gemeinde Christi, ein streng religiöses Gebilde gegründet in Boston, in sich zusammen.
Thomas "Kip" McKean, der charismatische Gründer, ist zurückgetreten. Das weltumspannende
Gebilde hat sich aufgelöst und Dutzende lokaler Gemeindeleiter sind zurückgetreten, ausgetreten oder sind ausgeschlossen worden, teilweise auch deswegen, weil sich einige Gemeinden die
Gehälter nicht mehr leisten konnten.
Hinter der Geschichte eines wankenden Kirchenimperiums steht die Geschichte eines
autokratischen Visionärs, der die Gruppe aufgebaut hat, und seiner freidenkenden Tochter, jetzt Absolventin von Harvard. Deren Entscheidung war es, aus der Gemeinde auszutreten und damit
löste sie ein Durcheinander in der schon genug gebeutelten Gruppe aus.
„Ihr eigener Vater verursachte seinen Rücktritt und das war der Anlaß für die Gruppe, sich selbst zu
überprüfen“ sagte Michelle Campbell, Executive Director von REVEAL, eine gemeinnützige Oranisation, die Informationen und Beistand für ehemalige Mitglieder anbietet. „Es war
unausweichlich, daß Kip stürzte. Die Anforderungen, die er stellte, konnte niemand erfüllen, weder seine Kinder noch er selbst. Sein eigenes Ungetüm erwischte ihn.“
McKean, der gedrängt wurde von seinem Amt zurückzutreten, da er seine eigene Regel gebrochen
hatte, daß ein Gemeindeleiter zurücktreten müsse, wenn seine Kinder die Gemeinde verlassen, sagte in einem Telefoninterview, daß er an seinem eigenen Untergang beteiligt war.
„Ich glaube, ich habe die Gefühle der Leute in einigen Regionen verletzt“ sagte McKean, der der
Gemeinde immer noch angehört. „Ich glaube wirklich, daß einige verbittert und gekränkt sind.“
Jahre zuvor konnte man sich die Gemeinde ohne McKean nicht vorstellen, ein drahtiger, geselliger,
selbsternannter „Prophet“, deren Anhänger den „Boston Garden“ bevölkerten - oder ohne seine Tochter Olivia, eine ehrgeizige Elite-Studentin, eine vielversprechende Jugend-Tennisspielerin und
fotogene Streiterin, deren Erfolge die Seiten vieler Gemeindeveröffentlichungen füllten.
„Sie sind wie Prominente“ sagte Jim P., ein ehemaliger Leiter eines Bibelkreises, über McKean’s
drei Kinder, Olivia, Sean und Eric. „Sie waren wie die Kinder des Präsidenten. Sie mußten auf allen Gebieten die Besten sein.“
Als Sohn eines gradlinigen Admirals der Marine, der McKean war, begann er in den 70er Jahren an
der Universität von Florida zu predigen und studierte im Hauptfach Chemie. Zu Zeiten, wenn andere Studenten gerade Parties feierten, leitete er in den Häusern von Glaubensbrüdern Bibelstudien und
hielt vor Mengen inspirierende religiöse Reden. McKean besuchte später ein Baptistenseminar, und brach ernüchtert ab, nachdem Pfarrer ihn wegen seiner engen Bibelauslegung kritisierten.
1976 heiratete er eine Kommolitonin der Universität von Florida und nahm eine Stelle als
Campuspfarrer an der Eastern Illinois Universität in Charleston Ill. an und arbeitete mit einer der 15 000 zusammengeschlossenen aber unabhängigen Gemeinden Christi (traditionelle Gemeinde
Christi, Anm. des Übersetzers) zusammen. Hunderte von Studenten strömten seiner Gemeinde zu, doch er wurde schnell umstritten. 1979, Monate nachdem eine Lokalzeitung Anschuldigungen
veröffentlicht hatte, er benutze Zwangsmaßnahmen, um Leute zur Mitgliedschaft zu bringen und um Geld an die Gemeinde abzugeben, ging McKean zu einer Gemeinde in Lexington.
Dort schuf McKean eine neue Art von Kirche, die auf einer Hierarchie aufgebaut war, die man mit
einer Amway-Vertriebspyramide oder mit dem Militär vergleichen kann.
Jedes Gemeindemitglied hat einen Vorgesetzten, „Jüngerschaftspartner“ genannt, dem gegenüber
wegen der Sünden Rechenschaft abgelegt werden mußte. Bekannt als „Boston Church of Christ“ oder „Boston Movement“, zog die Gemeinde Zehntausende von Mitgliedern aus allen Schichten in
seinen Bann, die dann auszogen, um die „New York City Church of Christ“, die „Chicago Church of Christ“ und Hunderte weiterer Gemeinden aufzubauen, bis hin nach London, Sydney, Moskau,
Nairobi und weiteren Städten. McKean’s überehrgeiziges Ziel war eine Gemeinde in jeder größeren Stadt der USA und in jedem Land innerhalb von ein paar Jahrzehnten zu gründen. Aber das System
hatte eine Schattenseite: Jene, die sich weigerten, 10 % ihres Einkommens zu geben oder die nicht genug neue Mitglieder anwarben, wurden als ehemalige Mitglieder öffentlich gebranntmarkt.
Diejenigen, die die Autorität hinterfragten, wurden von den anderen geschnitten oder hinausgeworfen.
„Alle wichtigen Lebensentscheidungen mußten mit dem Jüngerschaftspartner besprochen werden,“
sagte P., der Bibelstudien in Gemeinden in Boston und Los Angeles leitete, bevor er die Gemeinde vor drei Jahren verließ. „Vergeßt es, Urlaub zu machen.... Wenn Du zuviel Zeit mit alten Freunden
verbringst, das ist verpöhnt, es sei denn Du kannst sie anwerben. Über Eure Freizeit sollt ihr Rechenschaft ablegen. Jede Verabredung soll streng überprüft werden. Du darfst Dich nur mit
Leuten aus der Gruppe verabreden.“
Man sagt, mit der Zeit wurde McKean immer kompromißloser. In den späten 80er Jahren brach er
offiziell mit der Hauptströmung der (traditionellen, Anm. d. Übers.) Gemeinden Christi und predigte, seine Kirche sei die einzig wahre Kirche. Tausende seiner Mitglieder wurden noch einmal getauft
und man sagte ihnen, Außenstehende, genauso wie Mitglieder der Hauptströmung der (traditionellen, Anm. d. Übers.) Gemeinden Christi sind für die Hölle bestimmt.
So dynamisch wie ein Rockstar und so schonungslos wie ein Oberfeldwebel, verlangte er genaue
Listen über die Taufen, Anwesenheitslisten und Aufstellungen über den Zehnten (Abgabe an die Gemeinde, Anm. d. Übers.), er explodierte zornig, wenn die Zahlen nicht stiegen gegenüber
eingesetzten oder ehemaligen Leitern gleichermaßen.
„Es war nicht wie in einer Kirchenorganisation, schon eher wie in einer Firma,“ sagte Rick Torres,
ein ehemaliger Leiter der „New York City Church of Christ“. „Wenn deine Zahlen zurückgingen, kamen sie mit einer Begründung wie Gott sei nicht mit Dir. “McKean konnte großzügig sein,
verschenke teure Uhren und Kunstwerke und führte seine engsten Anhänger zum Essen aus. Er wußte mit Lob von der Kanzel herunter nicht zu geizen. Er konnte einem das Gefühl geben, seine
Gunst gehört ganz Dir. Aber er wußte auch, Dich zu demütigen.“
Ehemalige Leiter beschreiben ihn als einen Mann, der mit einem Schrei einen Gegenstand durch die
Gegend wirft, nur weil er ein Ping-Pong-Spiel verloren hatte, ein Prediger, der Dich vor einer ganzen Gruppe auffordern konnte zu bereuen und umzukehren, wenn Du einen Fehler gemacht hast, das gefiel ihm.
Tausende verließen nach Selbsthilfegruppen suchend die Gemeinde und oder schicken Beiträge an
das halbe Dutzend Internet-Auftritte, die die schlechten Nachrichten über die Gruppe verbreiten. Andere, auf eine Reform hoffend, blieben, oder blieben, weil sie nicht in der Lage waren, wegzugehen.
„Eine Reihe von höheren Leitern, mit denen ich befreundet war, hatten eine ganze Menge Zweifel
an der Gruppe und machten trotzdem Witze darüber, ein Kult zu sein,“ sagte P. „Sie wußten, daß es ernste Probleme gab, aber sie fühlten sich finanziell abhängig. Sie hatten Kinder, ein Haus... Für
andere Jobs waren sie nicht qualifiziert. Keine andere Gemeinde würde sie einstellen.“
Anfang der 90er Jahre, ging McKean mit seiner Familie nach Los Angeles um die Gemeinde dort
aufzubauen, meldete seine drei Kinder in der Brentwood-School an, die im Jahr etwa $ 19.000 kostet. Dort wurden sie zu akademischen Leitbildern, ständig im Rampenlicht von Kingdom Network
News, dem offiziellen Medienorgan der Gemeinde.
In der Literatur der Gemeinde wird das Taufdatum von Olivia als Meilenstein gewürdigt, auf gleicher
Ebene wie der Gründung der ersten Gemeinde in Moskau und die erste Gemeinde in einer Stadt.
„Erster Jünger der zweiten Generation geboren, aufgewachsen und getauft in der Bewegung“ ist zu
lesen. „Ich trainierte Eric’s Basketballmannschaft und Gott segnete uns mit der Meisterschaft,“ schrieb McKean im KNN Informationsblatt. „Alle drei haben dieses Jahr glatte Einsen und waren im
Tennisclub aktiv gewesen, gingen auf den Tennistrainer zu und tauften ihn.“
Weil als „Kultkinder“ durch ihre Altersgenossen aufgezogen, waren sie gedrängt zur Gemeinde
einzuladen, allerdings verbrachten sie die Freitagabende – die man als Teen-Abende in der Gemeinde kennt – anders als andere. Sie wurden besonders behandelt und wurden wegen ihrer Sonderstellung beneidet.
McKean ließ seine Kinder wissen, daß ihre Erfolge die Munition in seinem Krieg für Gott sind. „ Ich
bin überzeugt,“ sagte McKean vor seinen Anhängern in Washington D. C. im Jahre 2000, „falls ein Jugendlicher [vom Glauben] abfällt, gibt es wohl eine Menge Sünde in der Familie und diese Familie,
diese Mutter und dieser Vater müssen bereuen und umkehren.“
Olivia aber ging wegen der Harvard Universität, und sie genoß ihre Freiheit im Leben - weg von zu
Hause. Für eine kurze Zeit kümmerte sie sich noch um die „Boston Church of Christ“ und hielt sogar dynamische Reden vor Hunderten von Zuhörern. Obwohl die Gemeinde für ihre
Jüngerschaftspartnerin, eine junge Frau aus Los Angeles, bezahlte, um mit ihr nach Cambridge zu gehen und ihr geistliches Wachstum zu leiten, ging Olivia seit Januar 2001 nicht mehr zur Gemeinde
und sagte zu ihren Freunden, daß sie nicht länger mehr ein Mitglied sein will.
„Sie stand letztendlich auf und sagte ‚das Ganze macht mich krank, ich gehe jetzt,’“ sagte eine
ehemalige Gemeindeleiterin, die sie persönlich kannte. Ihrem Vater „brach das Herz.“ Olivia McKean wollte diese Angelegenheit nicht kommentieren. Aber ihr Vater räumte ein, daß er als Leiter und
Vater Fehler gemacht habe, was dann zum Rücktritt vom Vorsitz der ganzen Kichenorganisation im November führte.
„Es tut mir sehr leid“ schrieb er in einem Rücktrittsschreiben, das über die Internetseiten der
Gemeinde veröffentlicht wird. „Meine deutlich sichtbarste Sünde ist Überheblichkeit – ich denke, daß ich immer Recht habe – Ich übernehme die volle Verantwortung dafür, daß meine Sünden andere in
unseren Gemeinden geistlich geschwächt und verbittert haben. Ich übernehme auch volle Verantwortung für den geistlichen Zustand meiner Familie.“
In einem kürzlichen Interview sagte er, er und seine Tochter haben ihre Differenzen beigelegt. „Sie
tut Überwältigendes,“ sagte er. „Unsere Verbindung stimmt wieder. Sie hat keine schlechten Gefühle über der Gemeinde... Wir machen weiter als eine Familie.“
McKean’s Rücktritt, forciert durch diejenigen, die ihm schon länger seinen Führungsstil übel
genommen hatten, öffnete die Schleusentore für Forderungen nach Reformen, verursachte auch einen weit verbreiteten Brief eines Leiters, der die Gemeinde für Zwangsabgaben, Verletzungen der
persönlichen Freiheiten und Vortäuschen falscher Mitgliederzahlen belastete. Dutzende von Leitern entschuldigten sich für ihre Sünden, als sich die Dachorganisation auflöste, und es verließen ganze
Gemeinden die Gruppe und erklärten ihre Unabhängigkeit. Finanzielle Probleme, die auf einen Rückgang der Abgaben zurückzuführen waren, zogen Kündigungswellen nach sich und die
Missionen im Ausland erklären, daß die finanzielle Lücke sie erdrücken könnte.
„Wir gehen durch herausfordernde Zeiten,“ sagte Gordon Ferguson, ein Gemeindeältester (sog.
kingdom teacher, Anm. d. Übers.) der Boston Church of Christ. „Einige der Kritikpunkte, die wir bekommen haben, sind berechtigt. Wir sind dabei, die Dinge, die wir gemacht haben, zu überprüfen
und die guten Dinge dabei nicht zu vergessen.“
Im Moment ist die Zukunft der Internationalen Gemeinde Christi so unsicher wie die Zukunft seines
Gründers, der gerade an einem weiteren Brief an die Weltgemeinde während der nächsten Wochen arbeitet und der sich an Blitztreffen mit Amtsträgern der Gemeinde und Freunden beteiligt.
Auf die Frage hin, ob er ein Come-Back plant, sagte McKean „Wir beten dafür, daß Gott uns zu
einer neuen Mission führt. Wenn Sie mich fragen, was das sein kann, ich weiß es nicht.“
Farah Stockman ist erreichbar über fstockman@globe.com.
Übersetzt im Juli 2004 von Rainer Fabian
|